
Die meisten Einkaufsteams kennen die folgende Herausforderung: Lieferanteninformationen werden in einem System gespeichert, Vertragsdaten in einem anderen, operative Updates treffen per E-Mail ein und kritische Entscheidungen basieren häufig noch auf manuell gepflegten Tabellen. Obwohl Unternehmen über große Mengen an Beschaffungsdaten verfügen, sind diese Informationen oft auf ERP-Systeme, Lieferantenportale, lokale Datenbanken und spezialisierte Tools verteilt. Dadurch ist es schwierig, in zeitkritischen Situationen ein konsistentes Gesamtbild zu erhalten.
Dies wird besonders bei Störungen der Lieferkette deutlich. Wenn ein Lieferant Schwierigkeiten hat, Transportrouten unterbrochen werden oder Materialengpässe entstehen, müssen Einkaufsteams die möglichen Auswirkungen schnell verstehen. Um festzustellen, welche Lieferanten betroffen sind, welche Materialien Risiken ausgesetzt sind und wie sich dies auf den Betrieb auswirken könnte, müssen Informationen aus verschiedenen Quellen zusammengeführt werden. Dadurch geht wertvolle Zeit für die Datensammlung und -validierung verloren, bevor überhaupt Reaktionsoptionen bewertet werden können.
Dieser Artikel behandelt:
wie sich Beschaffungsresilienz von historischer Berichterstattung hin zu Echtzeittransparenz und szenariobasierter Entscheidungsunterstützung entwickelt
warum viele Unternehmen Schwierigkeiten haben, über die frühen Reifestufen hinauszukommen
Überwindung fragmentierter Daten
Viele Unternehmen gehen davon aus, dass Transparenz bereits vorhanden ist, weil relevante Informationen irgendwo im Unternehmen verfügbar sind. In der Praxis bedeutet die Existenz von Daten jedoch nicht automatisch, dass diese effizient funktions- und systemübergreifend genutzt werden können.
Wenn Beschaffungsinformationen über mehrere Plattformen verteilt sind, arbeiten Teams häufig mit unterschiedlichen Versionen derselben Daten. Dadurch entstehen Inkonsistenzen und es wird schwieriger, ein gemeinsames Verständnis von Lieferkettenrisiken zu entwickeln. Unter diesen Bedingungen werden Entscheidungen langsamer und reaktiver, insbesondere wenn Störungen eine schnelle Abstimmung zwischen Abteilungen erfordern.
Was macht Unternehmen also tatsächlich resilienter?
Die Entwicklung der Beschaffungsresilienz
Obwohl Resilienz häufig als strategisches Ziel diskutiert wird, unterscheiden sich Einkaufsorganisationen erheblich in ihrer Fähigkeit, Störungen zu erkennen, zu bewerten und darauf zu reagieren. Resilienz ist nicht einfach vorhanden oder nicht vorhanden. Sie entwickelt sich schrittweise, indem Unternehmen verbessern, wie Informationen erfasst, verknüpft und in Entscheidungen überführt werden.
Die Reifegradpyramide der Resilienz bietet hierfür einen hilfreichen Rahmen. Jede Ebene adressiert eine andere Aufgabe, die Einkaufsteams bei Unsicherheit bewältigen müssen. Je höher ein Unternehmen in der Pyramide aufsteigt, desto schneller kann es Situationen verstehen, Optionen bewerten und handeln, bevor operative Konsequenzen eintreten.

Stufe 1: Historische Transparenz
Auf der untersten Ebene verlassen sich Einkaufsorganisationen vor allem auf historische Berichte. Informationen werden aus verschiedenen Systemen gesammelt, manuell konsolidiert und regelmäßig über Dashboards, Lieferantenberichte oder Tabellenanalysen ausgewertet.
Diese Stufe liefert Transparenz darüber, was bereits passiert ist. Einkaufsteams können verspätete Lieferungen oder Kostensteigerungen aus vergangenen Berichtszeiträumen identifizieren. Für Reporting und Governance ist dies hilfreich, bei akuten Störungen jedoch nur begrenzt nutzbar.
Wenn ein Lieferant beispielsweise plötzlich Kapazitätsengpässe meldet, müssen Teams oft mehrere Systeme durchsuchen, um die betroffenen Materialien, Standorte und potenziellen Auswirkungen zu verstehen. Dadurch wird zunächst Zeit mit der Informationsbeschaffung verbracht, bevor Entscheidungen überhaupt diskutiert werden können.
Viele Unternehmen verbleiben auf dieser Stufe, weil sie über große Datenmengen verfügen und daher annehmen, bereits transparent zu sein. Tatsächlich besitzen sie jedoch Transparenz über die Vergangenheit und nicht über den aktuellen Zustand ihres Liefernetzwerks.
Stufe 2: Echtzeit-Transparenz
Die zweite Stufe konzentriert sich auf die Vernetzung von Informationen über Beschaffungssysteme, ERP-Landschaften, Lieferantenportale und operative Datenquellen hinweg.
Ziel ist es nicht, einfach mehr Berichte bereitzustellen, sondern ein aktuelles und gemeinsames Verständnis darüber zu schaffen, wie Lieferanten, Materialien, Verträge und Einkaufsaktivitäten organisationsweit miteinander verbunden sind.
In dieser Phase müssen Einkaufsteams Informationen bei Störungen nicht mehr manuell zusammenführen. Wenn ein Lieferant betroffen ist, können relevante Materialien, Bestellungen, Lagerbestände und Leistungsindikatoren direkt bewertet werden, ohne zunächst die Datenlandschaft rekonstruieren zu müssen.
Der praktische Effekt ist eine deutliche Verkürzung der Zeit, die benötigt wird, um eine entscheidungsreife Informationsbasis zu schaffen. Anstatt mehrere Tage mit Datensammlung zu verbringen, können sich Teams auf die Bewertung von Handlungsoptionen konzentrieren.
Stufe 3: Szenariobasierte Entscheidungsunterstützung
Während Echtzeittransparenz das Verständnis der aktuellen Situation verbessert, bleibt eine entscheidende Frage offen: Was passiert als Nächstes? Hier wird die höchste Stufe der Pyramide relevant.
Unternehmen kombinieren integrierte Daten mit analytischen Fähigkeiten, um mögliche Zukunftsszenarien zu bewerten, bevor Störungen operative Folgen verursachen.
Anstatt lediglich festzustellen, dass ein Lieferant Probleme hat, können Einkaufsteams analysieren, wie sich ein Produktionsstillstand auf Materialien und nachgelagerte Prozesse auswirken würde, welche alternativen Lieferanten Engpässe ausgleichen könnten und wie schnell Kapazitäten verlagert werden können.
Die Diskussion verlagert sich dadurch von der Frage „Was ist passiert?“ hin zu „Was könnte passieren?“ und „Welche Reaktion führt unter den gegebenen Rahmenbedingungen zum besten Ergebnis?“
Aufstieg in der Pyramide
Der Fortschritt innerhalb der Reifegradpyramide wird selten durch eine einzelne Softwareeinführung erreicht. Unternehmen entwickeln sich vielmehr schrittweise weiter, indem sie die Qualität, Verfügbarkeit und Vernetzung ihrer Beschaffungsdaten kontinuierlich verbessern.
Der Übergang von historischer Transparenz zu Echtzeittransparenz beginnt häufig mit der Integration bestehender Lieferanten-, Material-, Vertrags- und Einkaufsdaten.
Der nächste Schritt hin zur szenariobasierten Entscheidungsunterstützung erfordert ein tieferes Verständnis darüber, wie Lieferanten, Materialien, Produktionsanlagen und Geschäftsprozesse im gesamten Netzwerk miteinander interagieren. Ansätze wie der Resource Interaction Approach helfen dabei, Abhängigkeiten innerhalb des Liefernetzwerks sichtbar zu machen, anstatt einzelne Elemente isoliert zu betrachten.
Unternehmen, die am stärksten von Resilienzinitiativen profitieren, sind meist nicht diejenigen mit den größten Datenmengen, sondern jene, die Informationen verknüpfen, Abhängigkeiten verstehen und daraus Entscheidungen ableiten können, wenn sich Rahmenbedingungen verändern.
Aus dieser Perspektive bedeutet Resilienz weniger, schneller auf Störungen zu reagieren, sondern vielmehr die Unsicherheit rund um Beschaffungsentscheidungen zu reduzieren, bevor Probleme operative Auswirkungen entfalten.
Was hindert Unternehmen daran, in der Pyramide aufzusteigen?
Der Übergang von historischer Berichterstattung zu Echtzeittransparenz und schließlich zu szenariobasierter Entscheidungsunterstützung scheitert selten an fehlender Technologie. Die meisten Unternehmen verfügen bereits über die notwendigen Lieferanten-, Material-, Vertrags- und Einkaufsdaten. Die Herausforderung besteht darin, dass diese Informationen über viele Jahre hinweg in unterschiedlichen Systemen, Funktionen und Prozessen entstanden sind.
Dadurch haben Einkaufsteams zwar Zugriff auf große Informationsmengen, aber oft kein konsistentes Verständnis darüber, wie einzelne Datenpunkte miteinander zusammenhängen. Lieferantendaten können in einem System liegen, Materialinformationen in einem anderen und Planungsdaten an einer weiteren Stelle. Obwohl jeder Datensatz für sich korrekt sein kann, verhindert die fehlende Vernetzung ein vollständiges Gesamtbild in Krisensituationen.

Deshalb spielen die Neugestaltung von Prozessen und die Integration von Systemen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von Resilienz. Resilienz entsteht nicht allein durch Technologie. Sie basiert auf klar definierten Prozessen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsmechanismen, die Unternehmen dabei unterstützen, Störungen wirksam zu erkennen, zu bewerten und darauf zu reagieren.
Integrierte Systeme unterstützen diese Prozesse, indem sie sicherstellen, dass relevante Informationen funktions-, system- und entscheidungsübergreifend fließen können. Ohne Prozessklarheit und vernetzte Informationsflüsse verbleiben Unternehmen häufig auf niedrigeren Reifestufen, weil zu viel Zeit für die Informationsbeschaffung und zu wenig Zeit für die Bewertung von Handlungsoptionen zur Verfügung steht.
Durch die Brille der Reifegradpyramide betrachtet, ist Integration daher keine reine Technologieinitiative. Sie ist eine organisatorische Fähigkeit, die Einkaufsteams dabei unterstützt, von der Analyse der Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart und schließlich zur Antizipation möglicher zukünftiger Entwicklungen überzugehen.
Unternehmen, die konsequent in vernetzte Daten und integrierte Systeme investieren, sind in der Regel besser darauf vorbereitet, mit Unsicherheit umzugehen und Stabilität während Störungen aufrechtzuerhalten.
Wenn Sie die Resilienz Ihrer Organisation bewerten möchten, ist ein sinnvoller Ausgangspunkt nicht die Analyse Ihres Risikoregisters, sondern die Frage, auf welcher Stufe der Resilienz-Reifegradpyramide Sie sich derzeit befinden.
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17. Juni 2026
Von Daten zu Entscheidungen: Die Entwicklung der Lieferkettenresilienz
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Geografische Distanz und unabhängige Risiken in globalen Lieferketten
Geografisch verteilte Lieferanten schaffen nicht automatisch ein resilientes Beschaffungsnetzwerk, wenn sie von denselben Transportwegen, Infrastrukturen oder geopolitischen Risiken abhängen. Near-Scoring bewertet Lieferanten deshalb zusätzlich nach operativer Nähe, Reaktionsfähigkeit und struktureller Unabhängigkeit. So lassen sich verdeckte Abhängigkeiten erkennen und globale Lieferantenportfolios gezielt durch belastbare regionale Alternativen ergänzen.
