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Ein Lieferant befindet sich in Asien, der andere in Europa und trotzdem kann dieselbe Störung beide gleichzeitig lahmlegen. Ausschlaggebend ist dabei, ob beide Standorte an einem gemeinsamen Punkt im System hängen, etwa an einem Vorlieferanten, einem Transportweg oder einer Rohstoffquelle, unabhängig davon, wie groß die Entfernung zwischen ihnen ist.

Geografische Distanz bedeutet nämlich noch lange keine unabhängigen Risiken. Was auf dem Papier wie ein diversifiziertes Beschaffungsnetzwerk aussieht, kann in der Praxis weiterhin von denselben strukturellen Abhängigkeiten geprägt sein, die in diesem Blogpost erläutert werden.


In diesem Blog erfahren Sie:

  • Warum mehrere Lieferanten allein noch keine echte Risikodiversifizierung schaffen

  • Wie gemeinsame Abhängigkeiten von Transportwegen, Regionen oder Rohstoffquellen Liefernetzwerke verwundbar machen

  • Wie Near-Scoring Lieferanten nach Nähe, Reaktionsfähigkeit und struktureller Unabhängigkeit bewertet

  • Warum regionale Alternativen die Resilienz stärken, ohne globale Lieferanten vollständig zu ersetzen


Warum mehr Lieferanten noch keine echte Diversifizierung bedeuten

Der Impuls, Risiko durch mehr Lieferanten zu verteilen, ist naheliegend, denn fällt ein Lieferant aus, springt ein anderer ein. Diese Logik funktioniert jedoch nur, wenn die Alternativen tatsächlich unabhängig voneinander sind. In der Praxis korrelieren viele vermeintlich getrennte Risiken stärker, als es auf den ersten Blick erscheint.


Bei genauerer Betrachtung zeigen sich solche gemeinsamen Abhängigkeiten an unterschiedlichen Stellen des Liefernetzwerks. Zwei Lieferanten in unterschiedlichen Ländern können beispielsweise über denselben Hafen exportieren. Ebenso können zwei Regionen vom selben Handelsabkommen abhängen, sodass eine politische Veränderung beide gleichzeitig betrifft. Darüber hinaus nutzen verschiedene Lieferanten mitunter dieselben Frachtkorridore, Grenzübergänge oder kritischen Infrastrukturen.


Neben diesen strukturellen Verbindungen beeinflusst auch die operative Erreichbarkeit eines Lieferanten die Widerstandsfähigkeit des Netzwerks. Mit zunehmender Entfernung verlängern sich häufig die Transportwege, während zugleich höhere Pufferbestände erforderlich sein können und kurzfristige Reaktionen auf Störungen schwieriger werden. Auch große Zeitunterschiede können die operative Abstimmung verzögern, wenn Entscheidungen nicht innerhalb desselben Arbeitstages getroffen werden können.


Ein Lieferant auf einem anderen Kontinent mag im Normalbetrieb günstiger sein, verlängert im Krisenfall jedoch genau die Zeitspanne, die eine Organisation am wenigsten entbehren kann. Damit rücken für die Resilienz eines Lieferantennetzwerks zwei zentrale Fragen in den Vordergrund:

  • Wie unabhängig sind die Ausfallrisiken der Lieferanten voneinander?

  • Wie schnell kann das Unternehmen im Störungsfall auf eine Alternative zurückgreifen?


Near-Scoring als Bewertungsmodell

Genau an diesen beiden Fragen setzt das Near-Scoring an. Dabei werden bestehende und potenzielle Lieferanten über Preis und Qualität hinaus auch danach bewertet, wie schnell sie für das Unternehmen erreichbar sind und wie unabhängig ihr Risikoprofil vom übrigen Lieferantennetzwerk ausfällt.

Die Bewertung umfasst dabei typischerweise zwei übergeordnete Perspektiven: die operative Nähe des Lieferanten zum Unternehmen und seine strukturelle Unabhängigkeit von anderen Lieferanten im Portfolio.

Aus diesen Perspektiven lassen sich verschiedene Bewertungsdimensionen ableiten:

  • geografische Distanz und Transportzeit zum jeweiligen Produktionsstandort,

  • Abhängigkeit von gemeinsamen Logistikkorridoren, Häfen oder Grenzübergängen,

  • geopolitische Stabilität der Region sowie die Anfälligkeit gegenüber Handelsbeschränkungen,

  • Zeitzonenkompatibilität für die operative Abstimmung im Störungsfall,

  • regulatorische Nähe, etwa durch gemeinsame Standards oder Handelsabkommen, die Lieferungen im Krisenfall erleichtern


Der Mehrwert des Modells liegt dabei weniger in einer isolierten Kennzahl als in der gemeinsamen Betrachtung dieser Dimensionen über das gesamte Lieferantenportfolio hinweg. Ein Portfolio kann formal divers wirken und trotzdem stark auf wenige gemeinsame Risikopunkte gebündelt sein. Erst die kombinierte Bewertung macht sichtbar, welche Lieferanten trotz unterschiedlicher Standorte denselben strukturellen Risiken ausgesetzt sind.


Wie Near-Scoring eine Lieferantenentscheidung verändert

Wie sich diese Perspektive auf eine konkrete Lieferantenentscheidung auswirkt, zeigt das folgende Beispiel.


Stellen Sie sich einen Hersteller vor, der eine Produkt von zwei Lieferanten bezieht, einem in Ostasien und einem in Südostasien. Auf den ersten Blick erfüllt dieses Setup die Anforderung an Dual Sourcing. Ein Near-Scoring zeigt jedoch, dass beide Lieferanten über denselben Schifffahrtskorridor exportieren, von ähnlichen saisonalen Wetterrisiken betroffen sind und vergleichbar lange Transportzeiten aufweisen. Das strukturelle Risiko bleibt damit weitgehend bestehen, obwohl die Lieferantenanzahl formal zwei beträgt.


Aus dieser Erkenntnis leitet das Unternehmen eine gezielte Erweiterung seines Portfolios ab. Es qualifiziert einen dritten Lieferanten in einer Region, die näher am eigenen Produktionsstandort liegt und über unabhängige Logistikwege verfügt. Dieser dritte Lieferant ist im direkten Stückkostenvergleich zunächst teurer. Sobald jedoch kürzere Transportzeiten, geringere Pufferbestände und eine schnellere Reaktionsfähigkeit im Störungsfall einbezogen werden, gleicht sich der Unterschied in der Gesamtkostenbetrachtung deutlich aus.

Regionalisierung zielt in diesem Verständnis auf eine gezielte Ergänzung des globalen Lieferantenportfolios ab. Mindestens eine belastbare und kurzfristig erreichbare Alternative soll verfügbar sein. Weiter entfernte Lieferanten bleiben weiterhin Bestandteil des Portfolios, sofern ihre Kostenvorteile in einem vertretbaren Verhältnis zu ihrem Risikoprofil stehen.


Was das für die tägliche Arbeit bedeutet

Um bestehende Kostenvorteile zu nutzen, bleiben weiter entfernte Lieferanten dort Teil des Portfolios, wo ihr Risikoprofil in einem vertretbaren Verhältnis zu diesen Vorteilen steht. Near-Scoring unterstützt diese Abwägung und verändert damit zugleich, wie Lieferantenentscheidungen im Alltag getroffen werden. Neue Lieferanten werden nicht mehr ausschließlich nach Preis und Qualität bewertet, sondern zusätzlich danach, wie sie sich in das bestehende Netzwerk einfügen und ob sie tatsächlich unabhängige Risiken abdecken.


Strategische Einkäufer und Category Manager prüfen bestehende Lieferantenportfolios regelmäßig auf gemeinsame Abhängigkeiten, etwa bei gemeinsamen Transportwegen, kritische Infrastrukturen oder regulatorischen Abhängigkeiten. Dabei arbeiten sie eng mit Logistik, Supply Chain Management, Risikomanagement und Compliance zusammen, um sowohl operative als auch strukturelle Risiken im gesamten Netzwerk zu erfassen. Gleichzeitig wird bewertet, wie schnell alternative Lieferanten im Störungsfall zusätzliche Mengen bereitstellen können.


Diese Prüfung findet nicht nur bei der Erstauswahl eines Lieferanten statt, sondern wird in bestehende Lieferanten- und Warengruppenreviews integriert. Da sich geopolitische, regulatorische und logistische Rahmenbedingungen kontinuierlich verändern, muss auch die Bewertung des Lieferantenportfolios regelmäßig aktualisiert werden.


Warum Regionalisierung eine Portfolioentscheidung ist

Über die einzelne Lieferantenentscheidung hinaus hat Near-Scoring auch Auswirkungen auf die langfristige Gestaltung des gesamten Portfolios. Regionalisierung entfaltet ihren Wert vor allem als dauerhaftes Gestaltungsprinzip für das gesamte Lieferantenportfolio und weniger als einmalige Reaktion auf eine einzelne Störung.


Damit ist die entscheidende Frage: Verfügt es über ausreichend unabhängige Optionen, um eine Störung in einer Region abzufedern und zugleich innerhalb einer akzeptablen Zeit reagieren zu können?


Diese Betrachtung ergänzt die im dritten Teil dieser Reihe beschriebene Idee, Resilienz von Anfang an in die Beschaffungsstruktur einzubauen, um eine räumliche und logistische Dimension. Globale Liefernetzwerke werden dabei nicht grundsätzlich infrage gestellt. Entscheidend ist vielmehr, ihre Abhängigkeiten sichtbar zu machen und gezielt durch regionale Alternativen zu ergänzen.


Wie sich Nähe als Resilienzfaktor zeigt

  • Near-Scoring erweitert die Lieferantenbewertung über den reinen Stückkostenvergleich hinaus.

  • Echte Diversifizierung entsteht nicht allein durch unterschiedliche Standorte.

  • Entscheidend ist, dass Lieferanten möglichst unabhängige Risikoprofile aufweisen und nicht durch dieselbe Störung gleichzeitig ausfallen.


Wie resilient ist Ihr Lieferantenportfolio

Wenn Sie besser verstehen möchten, wie resilient Ihr Lieferantenportfolio tatsächlich aufgestellt ist, unterstützen wir Sie dabei, strukturelle Abhängigkeiten sichtbar zu machen und daraus gezielte Maßnahmen für eine widerstandsfähigere Beschaffungsstruktur abzuleiten.



15. Juli 2026

Geografische Distanz und unabhängige Risiken in globalen Lieferketten

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Central Procurement

Von Daten zu Entscheidungen: Die Entwicklung der Lieferkettenresilienz

Lieferkettenresilienz entsteht durch die kontinuierliche Weiterentwicklung von historischer Transparenz über Echtzeit-Transparenz bis hin zu szenariobasierter Entscheidungsunterstützung. Grundlage dafür ist die nahtlose Integration von Daten, Systemen und Prozessen im gesamten Unternehmen.

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Wenn die Rückkehr zur alten Struktur zum eigentlichen Risiko wird

Beschaffung wird erst dann wirklich resilient, wenn sie Störungen nicht mehr nur abfängt, sondern die Strukturen verändert, die solche Störungen immer wieder kritisch werden lassen. Entscheidend ist deshalb der Wechsel von kurzfristiger Wiederherstellung hin zu einer Beschaffungsarchitektur, die Alternativen, Flexibilität und schnellere Entscheidungen dauerhaft ermöglicht.

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